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Sunday, September 27, 2015

Hundstage (2001, Ulrich Seidl)

Die Filme von Seidl sind wie Vergrößerungsgläser, die auf die kleinbürgerliche Befindlichkeit gerichtet werden. Ich habe vorher von ihm Paradies: Hoffnung gesehen, der den Fokus auf fette Kinder richtet, während sich die Mutter auf Sextourismus nach Afrika begibt.
Verglichen mit dem Film haben wir hier eine Menagerie von Seltsamkeiten. Da ist der Rentner, der Dosen abwiegt und bei Unstimmigkeiten im Supermarkt Stunk macht. Mit seiner Haushälterin, die ihm Schweinsbraten zubereitet und auch als Objekt der Begierde fungiert,
Da ist die offenbar geistesgestörte Anhalterin, die ziellos darum bittet, ein Stück mitgenommen zu werden und dann ihre Fahrer mit grenzüberschreitenden Fragen zutextet (die großartige Maria Hofstätter).
Da ist der Verkäufer von Alarmanlagen, der Häuser sichern will, wo es ohnehin nichts zu stehlen gibt.
Da ist das Mädchen, das vom Freund geprügelt wird, weil sich in der Diskothek die Männer nach ihr umdrehen.
Da ist Grauheit, Tristesse, Schollenbindung. Die Städte sind selbst bei hellstem Sonnenschein wie bewölkt. Da sind Straßen, aber kein Ausweg. Da sind Autobahnen ohne Abfahrt. Leben knapp oberhalb der vegetativen Grenze, ohne auch nur einen Funken auf Hoffnung. Und das Ganze ist auch noch unterhaltsam.
8/10
Der Anhalterin ist nie fad.

Sommerfrische in Osterreich

Auch im hohen Alter ist die Erotik noch wichtig im Leben.

Die Anhalterin redet gerne, viel, zusammenhanglos und vor allem hemmungslos.

Vororte der Hölle


Monday, August 24, 2015

Kaisermannöver (1954, Franz Antel)

Gezreigt vom ORF in einer Hommage an 70 Jahre Film in Rot-Weiß-Rot. Dieses Lustspiel wurde 1954, der Zweite Weltkrieg war noch nicht einmal 10 Jahre vorbei, als Huldigung an die gute alte Zeit gedreht. Es ist doch so gemütlich in der Armee, sie knüpft Verbindungen fürs Leben, prägt das Dasein, ist überhaupt die tragende Kraft im Staat. Das Alles wird ohne einen Hauch Ironie, aber dafür mit dick aufgetünchter Wehmut geschildert.
Es brauchte drei Personen, um das flaue Drehbuch zu schreiben. Witzchen, die auch schon vor 60 Jahren keine Chance hatten, als elegant durchzugehen.
Hauptmann Gustl liebt eine Komtesse Valerie, die jedoch einen Major heiraten soll. So stellt es sich ihr Vater vor. Dieser ist General. Man ahnt bereits, dass sich ein Klassenkampf anbahnt. Auch downstairs bahnt sich was Erotisches an, zwischen Valeries Kammerzofe Steffi und einem Zugführer. Als dann alles auf cErden zu verwicklet wird, muss es eben der Deus ex Machina richten, ja, der Kaiser Höchstselbst, der nicht nur den Franz vorn, "sondern auch den Josef hinten dran hat" (einer der umwerfenden Gags aus der Witze-Mottenkiste in diesem Film). Majestät befiehlt dann eben ein Happy End. Basta.
Wäre alles mit einem Tupfer Ironie inszeniert, so könnte es noch als liebenswert, eventuell charmant durchgehen, aber so? Aber so? Die Nationalitätenfrage kommt nur als Wort vor und die Armee war wohl auch niemals im Krieg. Ach ja, wer den FRIEDEN will, bereitet sich ja auf den Krieg vor.
Glatt inszeniert. 2/10 für sauberes Handwerk ohne doppelten Boden.
OMG - Josef Meinrad sinnlos verheizt und Hans Moser ein Lichtblick. Was muss das für ein Film sein?

Und noch eine Parade: Triumph des Willens in Farbe.


Sunday, August 16, 2015

42plus (2007, Sabine Derflinger)

Hier ist eine unüberbrückbare Kluft zwischen Anspruch und Ausführung. Etwas Bedeutungsschweres war geplant, doch als Resultat liegt bloß ein halb-aufgegangener Hefekloß vor.
Christine hat ein Verhältnis mit Martin. So wie in Intimacy soll es sich dabei nur um Sex handeln, also Sex ohne Gefühl. Aber dies Verhältnis kündigt sie gleich zu Anfang. Und dannj fährt sie mit ihrem Mann nach Italien, die Tochter Sonja kommt mit und möchte gern von einem Italiener aufgerissen werden. Christine und Georg, ihr Mann, dümpeln derweil in ihrem Boot vor sich hin.
Dann passiert etwas. Tamaz, ein Beach Boy, interessiert sich für Christine und sie haben geilen Sex. Und als Überraschung kommt der nun vormalige Liebhaber und dessen Frau. Jetzt können sie darüber tuscheln ob sie von den gemeinsamen Geherimnissen wissen oder nicht. Christines Mann geht auch fremd und das sit alles OK solange man nicht darüber redet. Als Christine also mit ihrem jungen Lover kommt, ist es nicht mehr OK. Große Szene, Bruch und anschließende Kittung der Ehe.
Zwischen alledem sind Sentenzen eingestreut, über Beziehungen und Fremdgehen, über noch Attraktivität und Torschlußpanik, über Alter und Jugend, miteinander reden und Dinge für sich behalten. Das soll vielschichtig, wohlmöglich tiefschürfend, erhebt sich aber kaum über  nur mit Mühe über die Banalitätsgrenze. Rosamunde Pilcher für Intellektuelle.
2/10
Mit Frischfleisch wälzt es sich besser

... auch diesen Film


Monday, August 3, 2015

Funny Games (1997, Michael Haneke)

Seit der Klavierspielerin habe ich schlimmstenfalls kein und bestenfalls ein angespanntes Verhältnis zur Produktion Hanekes. Caché ging gerade noch als Chabrol-Clon durch; Das Schloß war eine eher brave Nacherzählung. Das weiße Band gab mir Mut zu mehr und nun dies: Funny Games,
Haneke ist von der Gewalt fasziniert, von medial vermittelter Gewalt, die hier thematisiert werden soll. Sicher darf man hier an Video-Games denken und diverse Totschieß-Spiele. In diesem Spielen haben wir ein dualistisches Weltbild, à la George Bush: die Guten auf der einen Seite und die Widerwärtigen als Gegner. Soweit ich es sehe, kommt es hierbei darauf an, soviel Gegner wie möglich zu erlegen, nicht aber sie zu foltern oder ausgiebig zu quälen. Zack - und weg ist die Sau.
Gerade hierauf kommt es aber Haneke in diesem Film an. Vielleicht ist er am Leiden interessiert, denn die Gewalt visualisiert er allenfalls dezent. Oder interessiert ihn das Quälen anderer Lebewesen?
Haneke hat eine ironische Distanz zu seiner Handlung. Die jugendlichen Gewalttäter wenden sich gelegentlich ans Publikum, man kann auch schon einmal zurück spulen, um wieder auf die satt brutale Spur zurückzukehren. Das ist dann eine ironische Brechung, ja ja, aber was soll das Ganze eigentlich?
Wir leben in einer immer mehr verrohenden Welt. Ich habe gerade Lake Eden gesehen (darüber später mehr), und jetzt kann man natürlich anführen, dass eben die Medien Schuld an dieser Verrohung sind. Gewiss: sie erlauben globale Shitstorms, gewiss und ermöglichen auch, die Verrohung mit der Handy-Kamera zu dokumentieren, aber insgesamt greift diese Analyse zu kurz: die Verrohung ist nicht nur da, weil der Kunde es so wünscht. Hanekes Ansatz wirkt wie ein Hüsteln aus dem Elfenbeinturm. In der Gesellschaft gehen andere Dinge vor sich. Das war auch schon 1997 so.
6/10
Mittlerweile wird Funny Games auch von Freunden des Horrorfilms goutiert.(links: Arno Frisch).