Doris Dörrie hat in ihrem neuen Film viel zu erzählen. Dass Frau Winkler das Haus verlässt, ist dabei nur einer der Handlungsschwerpunkte.
Aber der Reihe nach: Frau Winkler wohnt allein in einem großen Haus. Ihre Nachbarin, die in einem Haus mit Klavier lebt, ist ebenfalls allein. Die beiden reden nicht miteinander, tauschen aber jeden Morgen über die Gardinen Signale aus, um sich zu vergewissern, dass die jeweils andere noch lebt. Eines Morgens hat Frau Winklers Nachbarin jedoch einen Unfall und ist fortan bettlägerig.
Frau Winkler (großartig: Angelika Winkler) war eine gefeierte Schauspielerin, doch als ihr Mann plötzlich starb, zerbrach etwas in ihr. Damals spielte sie am Theater Lübeck in Tschechows Drei Schwestern. Ihre Tochter Erni (Laura Tomke) ist ebenfalls Schauspielerin und soll gerade in Lübeck im selben Stück auftreten. Mit Ernis Karriere geht es allerdings nicht besonders gut, weshalb sie eigentlich keine Zeit hat, sich um ihre Mutter zu kümmern.
Das Drehbuch ist voller Anspielungen auf Tschechows Drama. Das ist einerseits schön, andererseits aber auch ermüdend. Auf der Bühne wird geprobt, und die Dialoge aus dem Stück werden auch von den Protagonisten im wirklichen Leben gesprochen: zum einen in Rückblenden, in denen Frau Winkler ihrem verstorbenen Mann begegnet, zum anderen von Erni und ihrem Schauspielkollegen Paul (gut: Eugene Boateng).
Ist das nun das falsche Leben im richtigen oder etwa umgekehrt? Auf mich wirkte das Ganze eher wie eine intellektuelle Ostereiersuche mit fröhlichem Zitate-Raten. Ich hätte es besser gefunden, wenn das Drehbuch stattdessen ausführlicher erzählt hätte, warum Frau Winkler nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr den Anschluss ans Leben gefunden hat. Warum verweigert sie den Kontakt zur Nachbarin? Und warum ist das Verhältnis zur Tochter so problematisch?
Die Tochter kann die Betreuung der Mutter nicht übernehmen. Vielleicht hat man schon alle Pflegekräfte ausgewiesen, denn als Alternative kommt nur ein Pflegeroboter infrage. Frau Winkler lehnt die Maschine zunächst kategorisch ab. Das Verhältnis zwischen den beiden verbessert sich jedoch, als sie merkt, dass sie mit dem Roboter Dialoge aus Drei Schwestern führen kann. Damit wird eine weitere Metaebene eingeführt: ein zusätzliches Changieren zwischen Theater und Wirklichkeit, das den Plot allerdings nicht voranbringt.
Frau Winkler stellt also fest, dass sie mit der Maschine sinnvoll kommunizieren kann. Sie nennt den Roboter deshalb, fast möchte ich sagen, liebevoll Pawlowitsch – in Anlehnung an Tschechow. Das führt zu einer Frage, die auch andernorts schon behandelt wurde, etwa in Ex Machina von 2014 oder Ich bin dein Mensch von 2021: Kann ein Mensch Zuneigung zu einer perfekten Simulation entwickeln? In Dörries' Film stellt sich darüber hinaus die Frage, warum Frau Winkler mit ihrem Roboter redet, nicht aber mit ihrer Nachbarin. Gewiss, sie ist verbittert und verschroben. Aber wie ist sie so geworden?
Und so geht es weiter. Frau Winkler will nicht mehr leben, doch ihr Roboter lehnt den begleiteten Suizid ab. Als sich ihre Gesundheitswerte verschlechtern, wird ihr nahegelegt, aus dem Leben zu scheiden. Ist dieser Tod dann noch selbstbestimmt? Auch dieser Frage weicht das Drehbuch aus. Es hätte reizvoll sein können, gerade diese Aspekte näher zu beleuchten.
Dörrie wirft viele relevante Fragen auf, beantwortet jedoch leider die meisten nicht. Dennoch habe ich den Film genossen, denn er bietet Stoff für weitere Reflexionen.
Deshalb: 9/10, denn die inhaltlichen Anregungen sind für mich stärker als die dramaturgischen Mängel.




