Saturday, October 17, 2026

Frau Winkler verlässt das Haus (Doris Dörrie, 2026)

Doris Dörrie hat in ihrem neuen Film viel zu erzählen. Dass Frau Winkler das Haus verlässt, ist dabei nur einer der Handlungsschwerpunkte.

Aber der Reihe nach: Frau Winkler wohnt allein in einem großen Haus. Ihre Nachbarin, die in einem Haus mit Klavier lebt, ist ebenfalls allein. Die beiden reden nicht miteinander, tauschen aber jeden Morgen über die Gardinen Signale aus, um sich zu vergewissern, dass die jeweils andere noch lebt. Eines Morgens hat Frau Winklers Nachbarin jedoch einen Unfall und ist fortan bettlägerig.

Frau Winkler (großartig: Angelika Winkler) war eine gefeierte Schauspielerin, doch als ihr Mann plötzlich starb, zerbrach etwas in ihr. Damals spielte sie am Theater Lübeck in Tschechows Drei Schwestern. Ihre Tochter Erni (Laura Tomke) ist ebenfalls Schauspielerin und soll gerade in Lübeck im selben Stück auftreten. Mit Ernis Karriere geht es allerdings nicht besonders gut, weshalb sie eigentlich keine Zeit hat, sich um ihre Mutter zu kümmern.

Das Drehbuch ist voller Anspielungen auf Tschechows Drama. Das ist einerseits schön, andererseits aber auch ermüdend. Auf der Bühne wird geprobt, und die Dialoge aus dem Stück werden auch von den Protagonisten im wirklichen Leben gesprochen: zum einen in Rückblenden, in denen Frau Winkler ihrem verstorbenen Mann begegnet, zum anderen von Erni und ihrem Schauspielkollegen Paul (gut: Eugene Boateng).

Ist das nun das falsche Leben im richtigen oder etwa umgekehrt? Auf mich wirkte das Ganze eher wie eine intellektuelle Ostereiersuche mit fröhlichem Zitate-Raten. Ich hätte es besser gefunden, wenn das Drehbuch stattdessen ausführlicher erzählt hätte, warum Frau Winkler nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr den Anschluss ans Leben gefunden hat. Warum verweigert sie den Kontakt zur Nachbarin? Und warum ist das Verhältnis zur Tochter so problematisch?

Die Tochter kann die Betreuung der Mutter nicht übernehmen. Vielleicht hat man schon alle Pflegekräfte ausgewiesen, denn als Alternative kommt nur ein Pflegeroboter infrage. Frau Winkler lehnt die Maschine zunächst kategorisch ab. Das Verhältnis zwischen den beiden verbessert sich jedoch, als sie merkt, dass sie mit dem Roboter Dialoge aus Drei Schwestern führen kann. Damit wird eine weitere Metaebene eingeführt: ein zusätzliches Changieren zwischen Theater und Wirklichkeit, das den Plot allerdings nicht voranbringt.

Frau Winkler stellt also fest, dass sie mit der Maschine sinnvoll kommunizieren kann. Sie nennt den Roboter deshalb, fast möchte ich sagen, liebevoll Pawlowitsch – in Anlehnung an Tschechow. Das führt zu einer Frage, die auch andernorts schon behandelt wurde, etwa in Ex Machina von 2014 oder Ich bin dein Mensch von 2021: Kann ein Mensch Zuneigung zu einer perfekten Simulation entwickeln? In Dörries' Film stellt sich darüber hinaus die Frage, warum Frau Winkler mit ihrem Roboter redet, nicht aber mit ihrer Nachbarin. Gewiss, sie ist verbittert und verschroben. Aber wie ist sie so geworden?

Und so geht es weiter. Frau Winkler will nicht mehr leben, doch ihr Roboter lehnt den begleiteten Suizid ab. Als sich ihre Gesundheitswerte verschlechtern, wird ihr nahegelegt, aus dem Leben zu scheiden. Ist dieser Tod dann noch selbstbestimmt? Auch dieser Frage weicht das Drehbuch aus. Es hätte reizvoll sein können, gerade diese Aspekte näher zu beleuchten.

Dörrie wirft viele relevante Fragen auf, beantwortet jedoch leider die meisten nicht. Dennoch habe ich den Film genossen, denn er bietet Stoff für weitere Reflexionen.

Deshalb: 9/10, denn die inhaltlichen Anregungen sind für mich stärker als die dramaturgischen  Mängel.



Wednesday, October 14, 2026

Der Nanny (2015, Matthias Schweighöfer)

Der Titel soll bereits ein Witz sein, und sogleich sind wir auf eine deutsche Filmkomödie eingestimmt. Dieses Mal geht es um nichts Geringeres als Klassenkampf, natürlich auf humorvolle Art.

Clemens Klina (Schweighöfer himself) ist ein schnöseliger Bauunternehmer ohne Skrupel. Er muss nur noch einige Häuser im Kiez abreißen lassen, und schon kann mit dem Bau von Luxuswohnungen begonnen werden. Jedoch hat Clemens diese Rechnung ohne Rolf Horst (Milan Peschel) gemacht (Obacht: Auch dieser Name ist lustig. Das Amüsierpotenzial reicht zumindest für zwei schale Witze im Film). Rolf will die Abrissbirne um jeden Preis und mit vollem Körpereinsatz stoppen und kettet sich deshalb an den Kühlschrank. Als er jedoch von der Polizei, die wie selbstverständlich dem Kapitalisten zu Diensten steht, aus dem Haus getragen wird, sinnt er auf persönliche Rache.

Angeblich war Clemens einmal verheiratet, und es ist ihm sogar gelungen, zwei Kinder in die Welt zu setzen, für die er allerdings jetzt weder Zeit noch Interesse hat. Die Erziehung der beiden Gören wird also ausgelagert. Winnie und Theo haben jedoch einen erheblichen Verschleiß an Kindermädchen. Rolf wird nun zum Nanny für die Brut von Clemens.

Und jetzt kommt es, wie es kommen muss. Rolf reagiert nicht so hysterisch wie die Nannys vor ihm und wird allmählich zu einer Art Vaterfigur. (Offenbar brauchen die Kinder eher eine Vaterfigur als einen Mutterersatz.) Sie verbünden sich mit Rolf, um den Kiez zu retten. Clemens bleibt am Ende nichts anderes übrig, als alles richtig zu machen und den Kiez zu retten.

Eine nette Erzählung, gewiss. Es gibt aber Punktabzug für eine allzu klischeehafte Darstellung. Die Bewohner des Kiezes sind eigentlich nur gutmütige Trottel, allerdings mit dem Herz am rechten Fleck. Sie haben einen plumpen Charme, halten aber, wenn es darauf ankommt, auch zusammen. In ihrer malerischen Armut sind sie Prolls, mit denen wir sympathisieren sollen.

Ganz anders die Welt der Reichen: keimfreie Büros, glatte Oberflächen und eine Architektur, die so langweilig ist wie sie selbst. Die Reichen sind so, wie Klein Fritzchen sie sich vorstellt: seelenlos und aalglatt.

Mit den Klischees könnte man ja noch etwas Lustiges machen, aber leider mussten die Verfasser auch einige Witzchen über körperliche Fehlfunktionen einbauen. Am ersten Arbeitstag will Rolf seinen Arbeitgeber unter Drogen setzen. Anstatt einiger Tropfen schüttet er jedoch das ganze Fläschchen in den Morgenkaffee seines neuen Chefs. Dieser wird dann völlig überdreht und schließlich notgeil. Das Projekt ist noch nicht vollständig finanziert, aber nach intensivem viralen Einsatz bekommt er doch noch die Unterschrift der bislang zögernden Investorin. Andererseits bereiten die lieben Kinder ihrem (!) neuen Nanny einen extrascharfen Smoothie. Rolf findet nach manchem Körpergeräusch dann doch noch eine Toilette. Ist das lustig? Vielleicht in einer deutschen Filmkomödie. Aber sonst?

Deshalb gibt es von mir nur 6/10.